Wer ist Ina May?

 

 

 

Meine Ausbildung zur Sattlerin begann ich 1980 in Ina Mayeinem winzigen Dorf am Rande des Sollings zwischen Hannover und Göttingen. Schon als kleines Kind war ich pferdeverrückt, aber richtig gut reiten habe ich nie gelernt. Den Beruf Pferdewirtin konnte ich mir deshalb abschminken. Zufälligerweise suchte der ortsansässige Sattler einen neuen Auszubildenden. Er fragte mich ob ich mir das zutraue und ich sagte zu.

Ein harter Job

Ich war eines der ersten Mädchen, die diesen Beruf in Deutschland überhaupt erlernten. Ich merkte sehr schnell, warum es ein typischer Männerberuf war (heute nicht mehr): körperlicher Einsatz war gefragt und mein alter Meister nahm keine Rücksicht. Die Reitsportsattlerei war noch relativ einfach zu handhaben, nachdem ich es endlich raus hatte, wie ich nicht ständig Ahlen abbrach.


Schwieriger war das Nähen von Arbeitsgeschirren, die zum Holzrücken im Wald zum Einsatz kommen: Siebenfach gefaltetes Geschirrleder musste von Hand mit einer riesigen Schwertahle durchstochen werden... das war Schwerstarbeit!


Glücklicherweise gab es noch angenehme Abwechslung: Das Neuausstatten von Hochzeitskutschen, Reparaturen für den ortsansässigen Zirkus Barum oder auch für den Zirkus Knie, sowie das Tagesgeschäft der Reitsportsattlerei. Gelegentlich fuhren wir auch auf einschlägige Messen und Ausstellungen. Nach drei Jahren und erfolgreicher Gesellenprüfung wechselte ich ins Hochsauerland in ein Reitsportgeschäft, deren angeschlossene Sattlerei ich über drei Jahre allein betreute.

Eine neue Aufgabe

Der Zufall verschlug mich 1987 zurück in meine Geburtsstadt Hannover. Der Inhaber eines Lederwarengeschäfts suchte jemanden für seine Reparaturwerkstatt. Obwohl ich mit Taschen und feinen Lederwaren bisher nur am Rande zu tun hatte, bewarb ich mich — und wurde eingestellt. So lernte ich alles über die Feintäschnerei. Und über Hunde, denn mein Arbeitgeber Jochen Rissmann war nebenbei Vorsitzender des VdH Niedersachsen und Mopsbesitzer aus Familientradition. Diese Arbeit gefiel mir sehr gut, denn Schwerstarbeit war passé. Jetzt arbeitete ich hauptsächlich mit der Nähmaschine. Ob Warzenschweingeschirr für den Zoo Hannover, Kameraabdeckungen für den Norddeutschen Rundfunk oder feinste Reparaturen an Mädlerkoffern und Ballytaschen: mein Arbeitgeber vertraute meinen kreativen Fähigkeiten und überließ mir meistens die Entscheidung über die Lösungsfindung eines fachlichen Problems.

Die große Chance

Über acht Jahre arbeitete May und Breeich in dem Betrieb, bis eines Tages die in der Nähe von Hannover ansässige BREE Collection GmbH und Co.KG eine neue Mitarbeiterin für die Serviceabteilung suchte. Das war DIE Chance für mich, hinter die Kulissen eines international bekannten Taschenherstellers zu schauen und von der Idee an bei der Entstehung eines neuen Produkts dabei zu sein. In den eineinhalb Jahren dort lernte ich eine Menge—und ich traf selbstverständlich auf den Firmeninhaber und -gründer Wolf-Peter Bree.

Meisterschule

In der Zeit legte ich meine Meisterprüfung ab (jahrelang hatte ich mich in Abend-und Wochenendkursen auf die Prüfung vorbereitet) und Herr Bree schenkte mir eine von ihm entworfene Tasche, die ich selbstverständlich noch heute besitze. Was keiner von uns an dem Tag ahnen konnte: nur wenige Tage später starb Herr Bree 51 jährig bei einem privaten Fußballspiel mit seinen Söhnen. Er hatte mir vorher noch die Leitung der Reparaturabteilung übertragen.

 


Zoo Hannover - Bree

 

Auf nach Berlin!

Dennoch war es für mich nicht mehr möglich, weiter in Isernhagen zu bleiben. Ich hatte die Möglichkeit, nach Berlin zu gehen, was ich dann Ende 1997 auch tat.


Bei den beiden Blanke-Schwestern Juliana und Kathlin (ZEBRA Lederwaren) arbeitete ich zunächst aushilfsweise. Danach wechselte ich ins Kofferhaus WITT bzw. Kofferhaus Meinekestraße und leitete dort die Reparaturabteilung. Wie der Name vermuten lässt, hatte ich hauptsächlich mit Reisegepäck zu tun: Reparaturen an den gängigsten Koffermarken, außerdem Verkauf im Geschäft und erstellen von Schadensgutachten für ca. 15 Fluggesellschaften waren meine Hauptaufgaben.


Es sprach sich in Berlin herum, dass ich Sattler- und Feintäschnerermeisterin bin und auf einmal brachten das KaDeWe, Bally, Escada und andere Edeldesignboutiquen vom Ku'damm die Taschen ihrer Kunden zu uns, damit ich sie reparieren sollte. Eine der Marken, die im Kofferhaus Meinekestraße verkauft wurde, war TUMI, ein amerikanischer Reise-und Businessgepäckhersteller. Eines Tages kam ich mit deren Marketingmanagerin in Kontakt und die Europazentrale von TUMI in Neuenrade wurde die nächste Station in meiner beruflichen Laufbahn.

International auf dem Land

Ab 1999 leitete ich die Reparaturabteilung von TUMI Inc., wobei ich nicht nur Koffer und Taschen reparierte, sondern auch telefonisch und schriftlich Reklamationen bearbeitete, Rechnungen schrieb, Ersatzteile verschickte, eben Service am Kunden leistete. Gelegentlich flog ich in die Firmenzentrale nach Vidalia, Georgia, USA und durfte meinen Kollegen dort über die Schulter bzw. auf die Nähmaschine gucken.

Wieder in die Großstadt

Von Neuenrade ging es weiter Sattlerinnach Köln. Mittlerweile hatte ich ein vielfältiges berufliches Wissen angesammelt. Eigentlich Zeit, sich endlich selbständig zu machen. Aber noch war es nicht so weit: über sieben Jahre reparierte ich noch die Taschen und Koffer für eine große Kölner Kaufhauskette, bis ich im November 2010 mein eigenes Gewerbe anmeldete: Die Sattlerei/Täschnerei Ina May in Hürth-Gleuel.

Endlich selbstständig!

Ich konnte eine Nische ausfüllen, welche der plötzliche Tod des Köln-Sürther Urgesteins Sattlermeister Willy Hanf aufgerissen hatte. Viele seiner treuen Kunden kommen seitdem mit ihren Taschen, Koffern, Börsen, Motorradsitzbänken, Lenkrädern, Aktentaschen, Zelten, Anhängerplanen uvm. zu mir und alle sind froh, wenn ich ihnen sage, dass eine Reparatur oder Aufarbeitung sich lohnt.

Eigene Entwürfe

Wenn die Zeit es erlaubt, nähe ich Taschen oder Gürtel nach eigenen Entwürfen oder ich suche mir ein Vorbildmodell, dass ich nach meinen Vorstellungen verändere.

Ein Nebenjob

Da der Verdienst als Selbstständige anfangs nicht reichte, arbeitete ich die letzten Jahre zusätzlich für die Maier Bros. GmbH in Köln-Ehrenfeld, ein Verleih für Beleuchtungs- und Kamerabühnenequipement in der Filmbranche. Dort war ich in der eigenen Näherei für die technischen Näharbeiten zuständig; d.h. ich reparierte und fertigte Bespannungen, Fahnen, Taschen, Kamerasitze, Regiestuhllehnen etc. Auch dort konnte ich viele eigene Ideen umsetzen und mein Wissen und Können erweitern.

 

Endlich das eigene Ladenlokal

 

 

Nachdem ich fast zwei Jahre in Hürth-Gleuel in meiner Kellerwerkstatt gewirkt hatte, aber immer weniger Kunden zu mir kamen, da sie den umständlichen Weg  scheuten, überlegte ich mir, dass ich meinen Standort verlegen muss. Ich warf einen eher sporadischen Blick auf eine einschlägige Immobilienseite im Internet - und war elektrisiert! Jemand suchte einen Nachmieter für ein Ladenlokal mit integrierter Werkstatt in der Luxemburger Straße in Köln-Sülz; eine Gegend, die ich schon immer mochte. Und der Mietpreis war bezahlbar! Ich nahm Kontakt auf und die Geschichte nahm ihren Lauf.

 

Meine sämtlichen Ersparnisse steckte ich in die Renovierung und Ausstattung des Ladenlokals. Sechs Wochen Renovierung haben meinen Mann und mich an die Grenze der Belastung gebracht, doch das Endergebnis entschädigt für alles Erlittene.

 

Am 29.Oktober 2012 feierte ich Eröffnung. Die eher ruhige Anfangsphase wurde jäh beendet, als am 8.Dezember ein Artikel über mich im kölner Lokalteil des Kölner Stadtanzeigers erschien. ("Eine der letzten ihrer Zunft") Seitdem kann ich mich vor Arbeit kaum retten. Es macht mich froh, dass es so viele Menschen gibt, die lieber etwas repariert oder aufgearbeitet bekommen möchten als immer wieder Wegwerfartikel zu kaufen, bei denen sich eine Reparatur einfach nicht lohnt. Auch immer mehr Neuanfertigungen werden in Auftrag gegeben; das ist immer wieder eine tolle Herausforderung für mich. Die Arbeit bei Maier Bros. musste ich mittlerweile aus Zeitmangel aufgeben.

 

Verschönert habe ich die Wände meines Ladenlokals übrigens mit Zeichnungen der Bonner Künstlerin Kristina Salamon-Afif. Schauen Sie doch einfach mal rein.

 



 
1blu-myPage - Webhosting von 1blu